Deutschen Chorverbandes – Von Australien bis Zimbabwe

Erfolgreich mit internationaler Folklore: Der Onnen-Chor Stuttgart wird 50
Deutscher Chorverband KopieStartschuss für eine musikalische Weltreise: Während eine Instrumentalgruppe das rhythmusbetonte brasilianische „Makumba“ intoniert, ziehen die 30 Sängerinnen und Sänger des „Onnen-Chors“ mit ihrem Dirigenten Manfred Onnen singend in den voll besetzten Hegelsaal der Stuttgarter Liederhalle ein. Der Anlass ist ein ganz besonderer, denn der Chor, dessen Markenzeichen internationale Folklore ist, feiert sein 50-jähriges Bestehen und hat für das Jubiläumskonzert an diesem 3. Oktober ein buntes Programm zusammengestellt: Eine dreistündige Zeit- und Weltreise, kurzweilig moderiert von dem Hörfunkjournalisten Romain Fehlen und tänzerisch eindrucksvoll unterstützt von der jungen „Ray Lynch’s Brooklyn Tap Gang“. Mit Volksliedern, Spirituals und Gospels geht die Reise quer durch die Kontinente, von Schweden bis Jamaika, von den USA bis nach Tansania, Malaysia oder Australien.

Ein Szenenwechsel folgt dann im zweiten Teil, der mit Schlagern und Auszügen aus Musicals das Lebensgefühl aus den Anfangsjahren des Chores widerspiegelt.
Weltreisen, seien sie auch vorwiegend musikalischer Art, sind die Spezialität des Stuttgarter Onnen-Chors. Das war im Jahr 1959, als Gerd Onnen, der Vater des heutigen Leiters, den damaligen „Folklore Singchor Stuttgart“ gründete, ein ungewöhnlicher Schwerpunkt. Er ging zurück auf Onnens Faible für russische Volksmusik, die er während der Kriegsgefangenschaft kennen gelernt hatte. Nach seinen Kriegserfahrungen war es für den Musikpädagogen, Chorleiter und Komponisten eine Herzensangelegenheit, Musik als Mittel zur Völkerverständigung einzusetzen. Um Brücken zu anderen Kulturen bauen zu können, wollte er Lieder anderer Völker in ihren Originalsprachen erarbeiten und begann Anfang der 50er-Jahre, europäische Volkslieder zu sammeln.

Sänger und Sammler

An Material zu kommen, war in der Anfangsphase sehr schwierig, wie sich sein Sohn und Nachfolger Manfred Onnen erinnert. Jede Gelegenheit wurde genutzt, ob durch Urlaubsreisen oder entfernt lebende Verwandte, um Lieder fremder Völker ausfindig zu machen. „Dann gab es auch eine Sammlung des Musikwissenschaftlers Heinrich Möller, der akribisch internationale Volkslieder erfasst hat. Auf diese Weise hat mein Vater Zug um Zug einen Grundstock an Liedern zusammengetragen.“ Für die Umsetzung gewann das musikalische Allround-Talent Mitglieder seiner fünf bereits existierenden Chöre und erweiterte die A-cappella-Besetzung später durch Instrumentalisten. Es folgten erste eigene Bearbeitungen, bis schließlich, so Manfred Onnen, der Entschluss fest stand: „So, das machen wir jetzt richtig und weiten es auf eine internationale Ebene aus.“ Der „Folklore Singchor Stuttgart“, der Vorläufer des heutigen Onnen-Chors, war geboren. Chorbild freigestellt„Damals waren die Drähte ja noch nicht so heiß wie heute“, erzählt Manfred Onnen. „Man konnte ja noch nicht im Internet Titel anschauen oder womöglich Hörbeispiele anfordern, sondern das war harte Arbeit und erforderte viel Korrespondenz mit internationalen Clubs, mit Botschaften oder Konsulaten.“ Wenn Gerd Onnen die Stücke für seinen Chor bearbeitet hatte, suchte er über Konsulate oder ausländische Institute den Kontakt zu Muttersprachlern, um die Aussprache der Texte möglichst originalgetreu übernehmen zu können. Der heiße Draht zu Muttersprachlern ist auch für Manfred Onnen unverzichtbar, obwohl er inzwischen eine phonetische Umschrift entwickelt hat. „Ich versuche, Muttersprachler zu finden, die nicht nur vorsprechen, wie es klingt, sondern die auch etwas zu Inhalt und Interpretation beitragen können. Denn häufig ergeben sich beim Singen andere Betonungen als beim Sprechen. Wenn ich so jemanden gefunden habe, entkommt der mir so schnell nicht mehr.“
Manfred Onnen leitet den Chor seit 1977, nachdem sein Vater mit nur 56 Jahren an einem Herzinfarkt gestorben war. Für den damals 21-Jährigen bedeutete der Wunsch der Chormitglieder, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten, einen Sprung ins kalte Wasser. „Ich habe damals zwar im Chor mitgesungen, wie meine Mutter und meine Schwester, aber das war auch alles. Natürlich musste ich mich ordentlich dahinter klemmen, um mich theoretisch wie praktisch weiterzubilden. Ich war Gasthörer an der Musikhochschule Stuttgart und habe unheimlich viel von den Instrumentalmusikern gelernt, die in unseren Konzerten mitgewirkt haben. Sie haben mir immer Tipps gegeben, die ich beim Arrangieren und Bearbeiten nutzen konnte, denn diese kreative Seite wollte ich ja auch fortführen.”

Fremde Lieder in vertrauten Arrangements

Das Ergebnis dieses rein nebenberuflichen Engagements spricht für sich. Inzwischen kann der Onnen-Chor auf ein Repertoire von rund 500 Titeln zurückgreifen, von denen Gerd oder Manfred Onnen etliche selbst komponiert, die
meisten anderen bearbeitet oder arrangiert haben. Dabei setzen sie vorwiegend auf Vertrautes. So fremd die Texte auch klingen mögen, bei Chorsatz und Instrumentalbegleitung müssen sich die Zuhörer nicht mit ungewohnten Intervallen oder gar fremden Skalen auseinandersetzen. „Ein oder zwei besonders exotische Beispiele setzen wir gern im Konzert ein, aber man darf das Publikum nicht überfordern“, meint der Chorleiter.
Leichter verdaulich sind Gospels und Spirituals, die der Chor schon sehr früh in sein Programm aufgenommen hat, oder Pop-Arrangements sowie Film- und Musicalmelodien, die inzwischen auch hinzu gekommen sind. Das kommt nicht nur dem Publikumsgeschmack entgegen. „Ich habe schnell gesehen, dass das ein Weg ist, wie man mit jungen Leuten Chorarbeit machen kann. Aber ich versuche auch hier, das meiste selbst zu arrangieren und möglichst auf das Niveau zu bringen, das wir im Chor halten wollen.“ Das angestrebte Niveau hat der Chorleiter auch bei A-cappella-Konzerten, der hohen Kunst des Chorgesangs, im Hinterkopf. „Das machen wir, um die Gesangskultur hoch zu halten. Wir singen ja vieles, was un- terhält. Damit das nicht dazu verleitet, immer nur auf Wohlklang und Effekt beim Publikum hinzuarbeiten, sondern wir auch sehen, was wir mit unseren Stimmen und unserem Zusammenklang machen können, geben wir jedes Jahr ein oder zwei A-cappella-Konzerte.“
Das Rezept Manfred Onnens scheint aufzugehen. Unter den derzeit 30 Sängerinnen und Sängern sieht man vor allem in den Frauenstimmen junge Gesichter. Wer im Onnen-Chor mitsingen möchte, muss nicht unbedingt Notenkenntnisse, sondern vor allem Freude am Singen mitbringen. Die war auch bei Dieter Weichert vorhanden, als er nach 20-jähriger Unterbrechung wieder nach einem ge- eigneten Chor suchte. Doch interessierten ihn weder die klassische Ausrichtung eines Kirchenchors noch das typische Repertoire und die sozialen Verpflichtungen eines Gesangvereins. Da kam eine Anzeige des Onnen-Chors, der auf der Suche nach Männerstimmen war, gerade recht. Das ungewöhnliche Repertoire gefiel ihm, und seitdem verstärkt Dieter Weichert nicht nur den Bass, sondern ist auch für Planung und Organisation des Chors verantwortlich.Image 2
Fast zwangsläufig, möchte man sagen, nämlich durch ihre Eheschließung, kam dagegen Catherine Onnen in den Chor. Ein Glücksfall, denn sie studiert Gesang und sorgt für die Stimmbildung des Ensembles. Gemeinsam mit anderen Chormitgliedern, die ihre Stimme durch Gesangsunterricht ausbilden, übernimmt sie auch Solopartien, die in den Arrangements des Onnen-Chors recht breiten Raum einnehmen. Aber auch wer über eine schöne Naturstimme verfügt und die nötige Nervenstärke mitbringt, kommt hier zum Zuge. Die Freude am Singen jedenfalls – das wurde beim Jubiläums- konzert ganz klar – ist bei diesem Chor deutlich spürbar. Mit seinem Nischenprogramm, in dem sich Unterhaltung und musikalischer Anspruch nicht ausschließen, ist der Onnen-Chor seit fünf Jahrzehnten eine feste Größe im Musikleben des Stuttgarter Raums und kann auf ein großes Stammpublikum zählen. Es ließ seinen Chor auch beim runden Geburtstag nicht im Stich: 900 Zuhörer erlebten das Jubiläumskonzert, das mit der Verleihung der Ehrennadel des Landes Baden-Württemberg an Manfred Onnen zu Ende ging.
Auf diesen Lorbeeren will sich der Chorleiter aber keineswegs ausruhen. „Die 50 Jahre sind natürlich ein Meilenstein. Aber damit ist ja nicht Schluss, sondern wir wollen heftig weitermachen. Es ist unglaublich und fantastisch, dass wir schon so lange existieren, aber das darf nie so klingen!“
Friedegard Hürter