Weihnachtsmarkt 2012

Im Porträt: Der Onnen-Chor

Todos los regalos
Zum Stuttgarter Weihnachtsmarkt gehört es, dass Abend für Abend Chöre im Innenhof des Alten Schlosses singen. Der Onnen-Chor ist Jahr für Jahr dabei: Todos los regalos, alle Geschenke, heißt eines seiner Lieder. Um ihre Hörerinnen und Hörer zu begeistern, greifen die Sängerinnen und Sänger in die folkloristische Schatzkiste alles fünf Erdteile.

Nicht etwa, dass sie sich mit den Melodien begnügen, nein, der genaue Text muss es sein, bevor sie ein Stück verschenken.
Zu sagen, dass ihr Dirigent Manfred Onnen gerne von seiner Arbeit spricht, bringt die Sache nicht ganz auf den Punkt, vielmehr springt mit jedem Satz, fast mit jedem Wort der Funke der Begeisterung über. Sie überträgt sich, kaum tritt er in Aktion, auch auf seinen Chor und beflügelt Sängerinnen und Sänger zu Höchstleistungen.

Dieser vitale Elan erklärt, wie es Onnen gelingen konnte, mehr als 30 Jahre mit einem anspruchsvollen Brotberuf nachzugehen und sich “nebenbei” der Herausforderung als Chorleiter zu stellen. An der Wiege hatte ihm das keiner gesungen. Wohl hat er als Sänger im Folklore-Chor seines Vaters ein gediegenes musikalisches Selbstbewusstsein entwickelt, aber nie einen Gedanken an einen musikalischen Beruf verschwendet. Zu groß war die Diskrepanz zwischen künstlerischer Mühe und Leistung des Vaters einerseits, dem kargen materiellen Ertrag andererseits.Gerade mal Chorsänger und Sohn eines bekannte Vaters. Mit Lust sang der Sohn im Kinder-, dann im Jugenchor seines Vaters und nach dem Stimmbruch schließlich im Onnen-Chor, aber in Studium und Beruf ging er ganz andere Wege. Dabei wäre es wohl geblieben, wenn sein Vater nicht 1977 völlig unerwartet gestorben wäre. Was sollte jetzt aus dem Chor werden? Weil sich kein qualifizierter Nachfolger anbot, wurde der Sohn gedrängt, das Amt zu übernehmen. Was für ein Ansinnen an einen gerade mal Dreißigjährigen, der als Qualifikation lediglich anzubieten hatte, dass er Chorsänger und Sohn des Vaters war! Aber vom Vertrauensvorschuss des Ensembles getragen, bezwang der junge Mann seinen Zweifel und wagte den großen Sprung. In den gut drei Jahrzehnten seitdem hat er das keinen Augenblick bereut, obwohl die Doppelbelastung 12- bis 14-Stunden-Tage zur Regel machte.

Weihnachtsmarkt 2012 Presse

Folklore in den Sprachen dieser Welt
Einmalig macht den Onnen-Chor, dass er Folklore in den Originalsprachen singt und dafür erhebliche Mehrarbeit auf sich nimmt. Der Dirigent und sein Ensemble haben den Ehrgeiz, das Vietnamesen, Japaner, Russen oder Afrikaner schlussendlich verstehen, was Chorleiter und Sänger gemeinsam als vietnamesisches, japansches, russisches oder afrikanisches Lied erarbeitet haben. Ohne Muttersprachler sind solche Ergebnisse nicht erreichbar, denn feinste Nuancen in der Aussprache können leicht einen falschen, mitunter sogar peinlichen Sinn ergeben. So lässt sich Onnen zunächst den Text vorsprechen, um ihn dann lautgenau zu notieren. Das hört sich einfacher an als es ist, weil unser Alphabet für die zahllosen Laute in den Sprachen dieser Welt bei weitem nicht ausreicht. Mit Dehnungsstrichen oder Punkten über den Buchstaben, mit Akzenten oder Durchstreichungen lassen sich Annäherungen erzielen, aber letzten Endes hilft nur Vorsprechen und Korrektur durch den Muttersprachler, um Sinnentstellungen duch falsche Aussprache zu vermeiden. “Sie glauben nicht, wie viele unterschiedliche a-Laute es gibt”, sagt Manfred Onnen, “von den e-, i- o- und u-Lauten ganz zu schweigen.” Beherrscht er schließlich den Text, kann er seine Sängerinnen und Sänger damit vertraut machen und ihn schon mal singen lassen, immer von dem gemeinsamen Ergeiz geleitet, dem Original so nahe wie möglich zu kommen.
Mit viel Geduld und Energie
Eine Grundlage ist gelegt, wenn die “Säulen” des Chores Text und Melodie beherrschen. Für die anderen Sängerinnen und Sänger heißt es, zu Hause nacharbeiten. Das erfordert Zeit und Energie über die wöchentliche Probe hinaus, aber nur so entsteht die Voraussetzung dafür, dass der Chor letztlich zum Ausdruck bringt, was das Lied aussagt und was der Arrangeur vermitteln will. Alles in allem sind zwei bis drei Stunden Arbeit erforderlich, bis ein Lied wirklich steht. Wie viel Zeit Dirigent und Ensemble aufwenden, wird deutlich, wenn man erfährt, dass ihr Repertoire gegenwärtig reichlich 500 Titel umfasst – wohlgemerkt auf hohem künstlerischem Niveu. Als gewaltiges Erlebnis, das ihn bis in die Nacht bewegte, hat Manfred Onnen seine erste Tutti-Probe, also mit Chor und Orchester, in Erinnerung. Und bis heute facht die Begeisterung aus Neue an, wenn er sich auch dieses Jahr wieder, wenn der Onnen-Chor am 17. Dezember im Hof des Alten Schlosses in die Schatzkiste der Internationalen Folklore greift und seine Hörer mit Todos los regalos erfreut.

Erschienen in “Weihnachten in Stuttgart 2012”
Verlagsbüro Wais & Partner, 70197 Stuttgart
Text: Rainer Redies
Fotos: OnnenChor