Seit einiger Zeit kann der Chor sogar Japanisch

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Stuttgarter Zeitung vom 16.06.2004
Als ob es nicht schon schwer genug wäre, auf Deutsch ordentlich zu singen, hat der Onnen-Chor gleich 60 Sprachen im Gepäck. Und nicht nur das: wenn die Sänger am Samstag im Schloss Folklore aus Kenia oder der Karibik vortragen, spicken sie nicht einmal ins Notenblatt.
Von Carolin Leins

Englisch, Französisch, Latein – all das hat Fritz Assn in der Schule gelernt. Aber Italienisch. Gälisch, Peruanisch. Japanisch? Kein einziges Wort – trotzdem steht Fritz Assn jetzt am Mikrofon im Heumadener Gemeindehaus und singt den Ohrwurm “Marina, Marina, Marina” von Rocco Granata auf Italienisch und das täuschend echt. “Ich versuche, mich mit dem Text zu identifizieren”, erklärt der Tenor.

Beim Singen habe er die deutsche Übersetzung des Lieds genau im Kopf. “Die Sprache will ich so gut wie möglich imitieren, mein Italienisch soll ja nicht schwäbisch klingen.” Italienisch ist nicht die einzige Herausforderung der Onnen-Chorsänger, die gerade für ihr Konzert im Neuen Schloss üben. 17 Titel in knapp einem Dutzend Originalsprachen stehen auf dem Programm, dies ist nur ein Bruchteil ihres Repertoires.

Die 25 Mitglieder des Stuttgarter Ensembles beherrschen heute insgesamt 350 Lieder in 60 Originalsprachen: russische Melodien, brasilianische Rhythmen, Klassiker aus Ungarn, französische Chansons, Volksgut aus Malaysia, englische Musicals, dazu natürlich viele deutsche Evergreens, aber auch Schlager wie “Fernando” von Abba. Als Gerd Onnen den Chor 1959 in Stuttgart gegründet hat, wollte er musikalische Brücken bauen zwischen den Völkern. Seit 26 Jahren leitet Onnens Sohn Manfred die 25-köpfige Truppe. Mit den internationalen Liedern, die er meist selbst für Chor, Solisten und Instrumente bearbeitet, will er das Ursprüngliche der verschiedenen Kulturen vermitteln und dabei glaubhaft klingen. Mit seinem Programm ist der Chor weltweit wohl einmalig. “Wir füllen eine Nische”, sagt Dieter Weichert, Geschäftsführer und Bass.

Wenn die Sänger einen Titel in einer weniger gängigen Sprache singen sollen, lässt sich Manfred Onnen vorher von Muttersprachlern über die genaue Betonung und die Sprachmodulation aufklären. Inzwischen habe er längst ein Gespür für nahezu alle Sprachen auf der Welt. “Auf japanisch sind die Schriftzeichen ja ganz anders. Also setze ich den Text für den Chor in Lautschrift um”, sagt Manfred Onnen. In solchen Fällen ist es ein Glück, dass gerade eine Japanerin in den Chor eingetreten ist.

Manchmal muss Onnen aber auch weite Wege gehen, um Originalsprachler aufzutreiben. Er erzählt die Anekdote von einem “alten Mütterlein”, das er bei einer Reise nach Schottland ausfindig gemacht hat. Sie lebte auf einer der Hebrideninseln und hat das Stück “Fhir a bhàta” in ihrem Dialekt aufgenommen. Die Kassette schickte die Frau nach Stuttgart. Inzwischen kann der Chor das Volkslied längst auswendig.

Überhaupt: auswendig singen die Sänger sowieso alle Titel. Vom Notenblatt abzulesen ist beim Onnen-Ensemble tabu. “Die Sänger haben ein Wahnsinnsgedächtnis”, sagt der Leiter lobend. Aber das sei noch nicht einmal ihre stärkste Leistung. “Die größte Herausforderung für den Chor – aber auch für das Publikum – ist, sich permanent auf ein Wechselbad der Stimmungen einzulassen”, erklärt Onnen. “Wir springen von einem Stil zum anderen, von einem Kontinent zum nächsten.” Dabei sollen die Zuhörer jedes Mal die Augen schließen können und sich ob des stimmgewaltigen Ausdrucks fragen: “Steht da noch der gleiche Chor?”

Vier Konzerte mit vier unterschiedlichen Themen gibt der Onnen-Chor in diesem Jahr: Internationale Herbst- und Weinlieder, Weihnachtsmusik, Lieder aus allen Kontinenten und. am kommenden Samstag, ein Potpourri mit leichter Sommermusik, zu der man sich einfach nur “entspannt zurücklehnt und konsumiert”, sagt Manfred Onnen. Die Zuhörer sollen altbekannte Melodien wieder erkennen und gleichzeitig feststellen, dass sich der Onnen-Chor doch ganz anders anhört als die Schlagerparade.