Der Musikus aus Heumaden

Porträt eines Heumadeners

Der Musikus aus Heumaden
Julia Barnerßoi, 10.09.2012 07:19 Uhr
Foto: Julia Barnerßoi
Heumaden -Die Onnen-Männer vor Manfred Onnen hatten nicht allzu viel Glück mit der Kunst – obwohl sie Naturtalente waren. Gerrit Onnen, Manfred Onnens Großvater und gebürtiger Ostfriese, war Maler. Seine Familie – allesamt Kaufmänner – akzeptierten diese Neigung nie. Verzweifelt verließ er deshalb seine Heimat und zog zur Jahrhundertwende nach Stuttgart. Manfred Onnens Vater Gerd war Profi-Musiker mit Leib und Seele. Doch erst mit Anfang Fünfzig erreichte er laut seinem Sohn den Ruhm, um finanziell über die Runden zukommen. Kurz darauf starb er.

Manfred Onnen, dem Leiter des Onnen-Chors und des Liederkranzes Heumaden, wurde die Musik in die Wiege gelegt. Er liebt sie, kann ohne sie nicht leben. Doch das Darben seiner Vorfahren war für ihn ein abschreckendes Beispiel. „Ich hatte immer meinen Vater vor Augen“, sagt er. Darum war eines klar: Die Musik würde nie sein Hauptberuf.

Nach sechs nicht zu Ende gebrachten Studiengängen – Musik hatte er nie begonnen, weil er befürchtete, doch aus Leidenschaft hängen zu bleiben – heuerte er stattdessen ganz bodenständig bei der Deutschen Post an. Dort arbeitete der heute 66-Jährige, bis er vor einem Jahr in Rente ging. „Es war eine Entscheidung für die Sicherheit“, sagt er. Bereut habe er sie jedoch nicht, sonst hätte er die Kunst nie so leben können, wie er es tat und tut.

Seine Leidenschaften: Musik, Familie und Beruf

Drei Dinge bestimmten Manfred Onnens Leben in den vergangenen 35 Jahren: die Musik, die Familie und der Beruf. „Das ist wie bei einer Kosten-Zeit-Nutzen-Pyramide“, sagt Onnen. Das kennt er aus dem BWL-Studium.
„Wenn man an einer Stelle zieht, verändern sich die anderen Spitzen auch. Das durfte nie passieren“, sagt er. Alles musste im Gleichklang bleiben.

Wie er das immer geschafft habe, wisse er selbst nicht, meint er. Neben der Vollzeit-Arbeit waren da noch seine Frau, die zwei Kinder und die Chöre, für die er fast alle Stücke selbst bearbeitet oder gar selbst komponiert.
„Meine Mutter sagte immer, ich sei wie eine Kerze, die man an beiden Seiten angezündet hat“, sagt er und lacht.

Ganz selbst gewählt war die größte Leidenschaft des umerzogenen Linkshänders mit der „Schrift wie ein Sauigel“ jedoch nicht. Vielmehr legte ein Schicksalsschlag den Grundstein dafür. 1977, als Manfred Onnen gerade 31 Jahre alt war, starb sein Vater Gerd plötzlich mit 56 Jahren. Bis dato war Manfred Onnen lediglich Mitglied des Onnen-Chors.

Er übernahm die Aufgaben seines Vaters

Von einem Tag auf den anderen übernahm er die Aufgabe seines Vaters, ohne zu wissen, wie ihm geschah. „Die Begabung hatte ich Gott sei Dank“, sagt er. Der Rest war Fleißarbeit – viel Fleißarbeit. 2009 bekam Manfred
Onnen für sein Engagement die Ehrennadel des Landes Baden-Württemberg verliehen. Eine Auszeichnung, auf die er heute stolz ist, auch wenn er damals am liebsten abgewunken hätte, ging er doch nur dem eigenen Hobby nach.

Wäre sein Vater nicht so früh gestorben, hätte Manfred Onnen sicher ein ganz anderes Leben mit anderen Zielen geführt, wie der Mann mit dem dünnen Vollbart nach kurzem Überlegen sagt. In einem Text zum 40-jährigen Bestehen des Chors schrieb er selbst darüber: „Der unerwartete und damit auch unfassbare Verlust durch den Tod des Vaters, brachte eine Aufgabe mit sich, ohne die das Leben Manfred Onnens gar nicht mehr vorstellbar ist. Auch so kann Familiengeschichte sein.“

Die Ausrichtung, mit der Vater Gerd Onnen den gleichnamigen Chor führte, behält Manfred Onnen seit 35Jahren bei: Die 30 aktiven Mitglieder singen hauptsächlich internationale Folklore. „Wir decken eine Nische ab“, sagt der Chorleiter.

Manfred Onnen scherzt, er sei der einzige Ausländer daheim

Dass Manfred Onnen das Thema liebt und lebt, zeigt auch seine Familie: „Wenn wir am Esstisch sitzen, bin ich quasi der einzige Ausländer“, scherzt der zweifache Vater. Denn seine Frau Catherine stammt aus der französischen Schweiz, Tochter Vanessa und Sohn Yannik sind aus Sri Lanka adoptiert, beide haben aber die deutsche und auch die schweizerische Staatsbürgerschaft.

Der Renteneintritt hat Manfred Onnen überhaupt nicht zu schaffen gemacht, wie er sagt. Einzig zum Nachdenken hat er ihn gebracht. Wenn er auf seine „Halblebensleistung“ blickt, wie er sie nennt, ist er einfach froh. „Ich bin vom Glück begünstigt“, sagt er. Immer sei alles ganz wunderbar gelaufen, „hier in meinem Wolkenkuckucksheim“, seinem Ort der absoluten Harmonie. Wo er als erster Onnen-Mann die Kunst ohne Druck leben konnte. Auch so kann Familiengeschichte sein.

Julia Barnerßoi
sillenbuch@stz.zgs.de